SZ_01_2020

Seite 10 Städtli-Zytig 01/2020 Der Flachsee ist tatsächlich flach Der Flachsee Bremgarten-Rottenschwil mit seinem umliegenden Naturschutzge- biet ist ein einzigartiges Vogelschutzre- servat von europäischer Bedeutung. Jeder See ist flach – grundsätzlich. Weil aber der Flachsee, aufgestaut amKraftwerk Brem- garten-Zufikon, mit einer offiziellen Fläche von 72 Hektaren und aufgestauter Verlang­ samung über fünf Kilometer bis nach Jonen nur maximal sieben Meter Tiefe hat, heisst er mit einiger Berechtigung Flachsee. Sein Name ist zumindest nicht ganz falsch. Der Flachsee (378 Meter über Meer) erstreckt sich von der Reussbrücke Rottenschwil-Unterlunkhofen auf rund 1,4 km Länge bis zum Weiler Geisshof. Genau genommen ist der See ein auf 300 Meter verbreiterter Ab- schnitt des Staubereichs des Wasserkraft- werkes Bremgarten-Zufikon. In der Seemitte gibt es fünf kleine Inseln. Durch dieses Ge- biet mäandierte einst die Reuss in vielen Schwüngen. Die Altwasser im Rottenschwi- ler Moos südwestlich des Flachsees deuten die ehemaligen Flusswindungen noch an. Das linke Ufer wird vom Hochwasserdamm gebildet. Aus dem niedriger gelegenen Um- feld wird mit Pumpwerken ausgeflossenes Grundwasser in den höhergelegten Reuss- lauf hochgepumpt. Von diesem Damm aus hat man gute Sicht auf die Wasserfläche; denn nur wenige Gehölze säumen den schmalen Uferstreifen. Im Osten bildet der sanft ansteigende Moränenzug ein natürli- ches Ufer. Auf dieser Seeseite wechseln sich flache und steile Böschungen, Auenwälder und Riedwiesen, junge Gehölze und alte Ein- zelbäume, Röhrichtgürtel und Bachmün- dungen in vielfältiger Folge ab. In der Längs- richtung wird der Flachsee durch eine Kette von kiesigen und bewaldeten Inseln, toten Bäumen und einem Weidengeflecht unter- teilt. Entlang dieser Linie führte früher der rechtsufrige Hochwasserdamm. Der Flach- see ist halb Fluss, halb See. Typisch für einen See ist der gleichbleibende, vom Stauwehr konstant gehaltene Wasserstand und die kaum fliessenden Bereiche in der östlichen Seehälfte. Das fliessende Wasser im westli- chen Teil, dem früheren Flusslauf, und die ständige Ablagerung von Feinsedimenten zu Schlickbänken hingegen sind flusstypi- sche Eigenschaften. Der Flachsee ist noch jung Der Flachsee entstand im Rahmen des Neu- baus des Kraftwerkes Bremgarten-Zufikon und der Gesamtmelioration der Reussebene im Herbst 1975 und wurde speziell als Was- servogelreservat gestaltet. Die Neuschaf- fung eines über 40 Hektaren grossen Bio- tops für Wasservögel ist in der Schweiz bis heute einmalig. Um gefährdete flusstypi- sche Arten wie den Flussregenpfeifer spe- ziell zu fördern, wurden vegetationsfreie Kiesinseln geschaffen. Damit sie nicht dicht von Pflanzen überwachsen werden, werden sie jährlich gejätet, in der Regel von Freiwilli- gen, schon mal von den Lehrlingen einer Grossbank, im Gemeinschaftserlebnis. Auch die Schlickflächen werden jährlich gemäht. Sonst verbuschen sie und verlieren ihre At- traktivität für Vögel. Überwinterungsreservat von grosser Bedeutung Die Schlickflächen und Flachwasserbereiche, das langsam fliessende Wasser und naturna- he Ufer mit Röhricht, angrenzenden Ried- wiesen und Auenwäldern, sowie die Kies- inseln machen den Flachsee zu einem Wasservogelreservat von gesamtschweizeri- scher Bedeutung. Seit seiner Entstehung brüteten hier 58 verschiedene Vogelarten. Darunter befinden sich auch elf gefährdete Arten der «Roten Liste» wie Flussregenpfei- fer, Kiebitz, Eisvogel und Drosselrohrsänger oder Graugänse. Inzwischen haben sich Bi- berfamilien angesiedelt, die den Landwirten etliche Probleme machen, gezielte Massnah- men fürs Zusammenleben von Mensch und Biber wurden nötig. Besondere Bedeutung erlangt der Flachsee auch als Überwinterungsgebiet von Wasser- vögeln und als Rastplatz für Durchzügler. Die Vielfalt der Wintergäste ist gross und reicht vom Zwergtaucher über den Kormoran bis zu seltenen Entenarten wie Spiess-, Löffel- und Schellente. Andere Arten wie Tafel- und Reiherente und das Blässhuhn überwintern gar zu Hunderten auf dem Flachsee. Die aus- gedehnten Schlickflächen bieten sich Wat- vögeln (zum Beispiel dem Flussuferläufer, der Bekassine und dem Kampfläufer) als Rastplatz auf ihrem Zug von den nördlichen Brutgebieten zu den südlichen Winterquar- tieren an. Unter den Zugvögeln befinden sich immer wieder besondere und seltene Arten. Seit 1973 wurden insgesamt am Flach- see 240 verschiedene Vogelarten beobach- tet – eine sehr grosse Zahl im Vergleich zu den 361 Vogelarten, die in der Schweiz seit 1900 festgestellt wurden. Das Natur- und Vogelschutzgebiet Flachsee ist nicht nur ein interessantes vielbesuchtes Wandergebiet, sondern auch ein Eldorado für Vogelbeobachter und Wissenschafter. An einer besonderen Stelle steht ihnen ein «Hide» – Beobachtungshütte mit Sehschlit- zen – zur Verfügung. --hr Die im April 2018 im Naturschutz-Informationszentrum Zieglerhaus Rottenschwil neu eingerichtete Dauerausstellung präsentiert sich mit vielen interaktiven Elementen und neuen Medien. Bild: Ambroise Marchand Stiftung Reusstal: Seit 1962 engagiert sich die Stiftung Reusstal erfolgreich für den Erhalt von Flora und Fauna in den zahlreichen Naturoasen des Reusstals. Bedeuten- de naturwissenschaftliche Arbeiten und Publikationen entstehen in ihrem Umfeld. Im Zentrum steht das Natur- schutz-Informationszentrum Zieglerhaus Rottenschwil mit seiner Dauerausstellung. Josef Fischer organisiert regelmässig Kurse und Exkursionen am Flachsee. info@ stiftung-reusstal.ch.

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